Session VIII · Artefakt VII · Brujah-Elysium

Die Helioswerke

Der Hammer der Wut · Linus' Ende · Ein Ofen aus Erfurt, 1941
🔨
Der Hammer
Tugend: Sanftmut → Sünde: Wut (Zorn)
Clan Brujah · Linus Krüger, Primogen

I. Das letzte Artefakt

Von allen sieben Insignien hatte der Hammer eine besondere Geschichte. Er war Soromils eigenes Werkzeug gewesen — nicht als Geschenk gegeben wie die anderen sechs, sondern von ihm selbst getragen, als Symbol der Tugend, die er für sich behalten hatte: Sanftmut. Die Kraft, die auch formen kann. Die Beherrschung der eigenen Stärke.

Was hatte es bedeutet, dass er den Hammer dem Clan Brujah übergeben hatte — nicht zu Lebzeiten, aber irgendwann, nachdem die Brujah in Köln fast ausgelöscht worden waren? Dass er glaubte, sie hätten aus dem, was mit ihnen geschehen war, gelernt? Dass sie die Einzigen waren, die mit Gewalt umgehen konnten, weil sie sie von innen kannten?

Linus Krüger, der letzte Brujah-Primogen von Köln, war am 5. Oktober gestorben wie alle anderen. Und der Hammer war weg.

II. Cem Yilmaz

„Ich hab Linus seit Tagen nicht gesehen. Aber in der Nacht vor den zwei Wochen hatte ich so ein Verlustgefühl. Eine Leere. Wie wenn man kurz taub wird — nur von innen."

Er schlug einmal mit der Faust auf den Tisch. Leise diesmal. Fast reflektiert.

„Das Helios war sein Ort. Der Brujah-Treffpunkt. Da unten — im Darkroom — hat er Recht gesprochen, Deals ausgehandelt, Leute wieder gerade gebogen. Und jetzt sitzt da Micky. Ein Mensch. Und der fragt mich, ob ich 'ne Flasche aufmachen will."

Cem Yilmaz — Ende 30, kahlgeschoren, Lederjacke, Narben im Gesicht. Ghoul des Brujah-Primogen Linus Krüger. Er war in der Nacht des 5. Oktober nicht im Helios gewesen — ein Zufall, der ihn am Leben ließ und seitdem verfolgte. Er wusste nicht, was genau passiert war. Er wusste nur, dass der Mann, dem er alles verdankte, weg war. Und dass Micky jetzt in seinem Büro saß.

III. Die Helioswerke

Neben dem Eingang in die Disco führte eine Treppe nach unten. Ein neues Schild neben der Tür: „Helios 17 — bitte klingeln."

Der Gang dahinter roch nach Leder und Parfüm. An den Wänden hingen Bildschirme mit osteuropäischem Akzent — schlecht gefilmt, absurd, eher skurril als bedrohlich.

Dann öffnete sich der Gang. Ein weitläufiges Kellergewölbe in gedämpftem rotem Licht. Spiegel, Chrom, Leder, Glas. Ein Tresen. Käfige an den Seiten.

Micky — nicht sein richtiger Name — hatte das Revier von Linus Krüger übernommen, ohne das geringste Verständnis dafür, was dieser Raum einmal gewesen war. Das Elysium des Brujah-Primogen. Ein Ort, an dem der Clan Wut und Gerechtigkeit als zwei Seiten derselben Münze verhandelt hatte.

Jetzt war es ein Schmutzclub. Und Micky wunderte sich, warum Cem Bro ihm Besuch mitgebracht hatte.

IV. Was Micky wusste

Underground Siebzehn Micky

„Linus? Ja, der musste vor zwei Wochen plötzlich weg. Wir hatten uns gerade hier getroffen und dann meinte er, er müsste los — und ich soll das hier alles erstmal übernehmen und mich darum kümmern."

Er zuckte die Schultern.

Dann hat sich Amira seiner angenommen.

„Ich war da, um Linus ein paar junge Ukrainerinnen anzupreisen. Gerade als wir hinten im Büro darüber sprachen, kippte er um. Und war tot."

„Ich hab dann den Ofen angeheizt — den Linus gelegentlich nutzte — und ihn verbrannt."

„Dann hab ich alles mitgenommen, was ich finden konnte, und draus Geld gemacht. Auch so einen goldenen Hammer. Den hab ich dem Jugoslawen verkloppt. Tito. Der hat in Porz ein Restaurant."

V. Der Ofen

Hinter der Tür mit dem Schild „Privat": nicht ein Raum, sondern mehrere. Ein Büro. Ein paar schmale Zellen, deren Zweck man lieber nicht zu genau bedachte. Und ganz hinten der „Heizungsraum" — eine Anlage, die niemand hätte hier erwarten sollen.

Hersteller: Topf & Söhne, Erfurt
Baujahr: 1941
Typ: Wahrscheinlich ein Probeofen

Topf & Söhne war der Hersteller der Krematoriumsöfen in Auschwitz. Ihre Anlagen waren nicht für den zivilen Bereich zugelassen — jede Lieferung erforderte eine staatliche Sonderzulassung.

Das Heliosgelände wurde in der NS-Zeit für Veranstaltungen genutzt. Die Kölner Gestapo betrieb hier zeitweilig ein geheimes Lager.

Die Geister, die ihr in diesen Räumen spürtet, zeigten alle in eine Richtung.

Patrick hatte ein Gefühl. Schwer zu benennen — ein Ziehen, ein Gewicht im Raum, das nichts mit dem Ofen zu tun hatte. Er öffnete sich mit Obtenebration für die Geisterwelt.

Was er sah: Dutzende von Geistern, verteilt durch den gesamten Club. Aus unterschiedlichen Zeiten, die ältesten von 1943 an. Männer, Frauen, manche kaum zu erkennen. Alle stumm. Alle zeigten in dieselbe Richtung — auf den Ofen.

Manchmal ist das Grauen nicht übernatürlich. Manchmal ist es einfach Geschichte.

VI. Tito und der Hammer

Porz. Ein Restaurant. Ein Mann namens Tito, der nicht wusste, was er gekauft hatte, und nicht verstand, warum jemand so viel Aufhebens um ein Stück altes Gold machen würde.

Tito war keine Randfigur. Er war eine der größten Nummern im organisierten Verbrechen in Köln — ein Mann, dem das halbe Porzer Milieu gehörte und der seine Geschäfte hinter einem gutbürgerlichen Restaurant führte. Er wusste, was er wert war. Und er wusste, wie man Preise macht.

Gegen 20.000 Euro wechselte der Hammer den Besitzer zurück.

Werkzeug der Gewalt, das auch formen kann.
Wahre Stärke liegt in der Beherrschung der eigenen Kraft.
Linus hat das vergessen. Micky wusste es nie.
Soromil trug ihn ein Leben lang — und gab ihn erst am Ende weiter.